Landbote, 19. September 2001
UMNUTZUNG IN OBERI WIRD FRAUENFELDERSTRASSE BELASTEN
Rychenberg will nicht Breite sein
Anwohner kämpfen mit einer Beschwerde ans Verwaltungsgericht weiter gegen wachsenden Durchgangsverkehr auf der Rychenbergstrasse. Ein neues Verkehrsgutachten stützt ihre Argumente.
ANDRI BRYNER
Wird das Sulzer-Areal Oberwinterthur so ausgenutzt, wie es die neue Bau- und Zonenordnung (BZO) vorsieht, wird der Verkehr auf der Rychenbergstrasse zwischen 50 und 97 Prozent zunehmen. Damit stiegen auch die Lärmpegel, die heute schon über dem Immissionsgrenzwert liegen, nochmals deutlich wahrnehmbar an.
Kreuzungen jenseits der Kapazitäten
Diese Folgerung zieht ein Verkehrsgutachten, das die Gruppe «Rychi gegen Durchgangsverkehr im Quartier» beim Winterthurer Büro Bürkel-Baumann-Schuler (BBS) in Auftrag gegeben hat. Pikantes Detail: Am Büro BBS ist nicht nur SP-Stadtratskandidat Walter Bossert beteiligt, sondern auch alt SP-Gemeinderat Walter Baumann, der in der Planungskommission massgeblich an der neuen Bau- und Zonenordnung mitgearbeitet hat. Das Gutachten hat vor allem die Knoten Frauenfelder-/Stadlerstrasse und Frauenfelder-/Seenerstrasse ins Visier genommen. Beide Kreuzungen stossen in den Spitzenzeiten heute schon an ihre Kapazitätsgrenzen. Die volle Nutzung des rund 62 Hektaren umfassenden Sulzer-Areals Oberwinterthur mit Wohnungen, Läden, Dienstleistungsbetrieben sowie Industrie und Gewerbe würde gemäss BBS täglich zwischen 50 000 und 75 000 Autofahrten «generieren». Damit ist die Frauenfelderstrasse am Römertor in den Morgenspitzen und bei der Seenerstrasse am Abend überlastet. Die Rychenbergstrasse, vor allem via Talacker- und Stadlerstrasse, bietet sich als Ausweichroute an.
«Die Anwohnerinnen und Anwohner der Rychenbergstrasse sind damit von der Umzonung auf dem Sulzer-Areal eindeutig speziell betroffen», folgert das BBS-Gutachten. Dieser Schluss ist deshalb von Bedeutung, weil die Baurekurskommission im Juli gar nicht auf den Rekurs der «Rychi»-Gruppe gegen die Zentrums- und Industriezonen in Oberi eingetreten ist. Der Nachweis für das auf die Umnutzung folgende Verkehrswachstum fehle, hat die Baurekurskommission argumentiert und der Gruppe die Legitimation abgesprochen.
Doch noch Tempo 30?
Mit der neuen Rückendeckung ziehen nun die Rychenberganwohner ihr Anliegen vor Verwaltungsgericht. Ziel, so der Sprecher der Gruppe, Reto Diener, sei nicht die Verhinderung von baulichen Entwicklungen in Oberwinterthur, sondern mehr Wohnqualität und Sicherheit an der Rychenbergstrasse. Daher soll die neue Zoneneinteilung in Oberi etappenweise und nur mit flankierenden Massnahmen im Bereich Verkehr umgesetzt werden. Als Beispiele nennt er eine verbesserte Anbindung des Sulzer-Areals an den öffentlichen Verkehr mit Bus und einer S-Bahn-Station Hegi sowie Massnahmen gegen den Ausweichverkehr auf der Rychenbergstrasse mit Temporeduktionen oder sogar Sperren, wie sie auch die IG Rychenbergstrasse fordert. Einen ersten Erfolg kann Diener für das andere Ende der Rychenbergstrasse melden. Die zwischen Haldengut und Lindspitz provisorisch versetzt markierten Parkfelder dürften auf Grund der guten Erfahrungen bleiben, und an einer Besprechung der Gruppe mit Polizeivorstand Hans Hollenstein habe dieser in Aussicht gestellt, auf demselben Abschnitt auch die Einführung von Tempo 30 nochmals zu prüfen.
Politische und rechtliche Ebene
Die Rychenbergstrasse wird auch im Parlament wieder zu reden geben. EVP, Grüne und SP haben eine Motion eingereicht, die Route aus dem kommunalen Richtplan zu streichen und damit mehr Möglichkeiten zur Verkehrsberuhigung zu schaffen. Ausserdem will auch der Stadtrat den Entscheid der Baurekurskommission weiterziehen, allerdings aus einem anderen Grund: Das Verwaltungsgericht soll die von der «Rychi»-Gruppe kritisierte und von der ersten Instanz abgelehnte Grundsatzvereinbarung zwischen Stadt und Sulzer als «weit blickende, kooperative» Planungsgrundlage akzeptieren, statt Formalismus walten zu lassen.